Famulatur auf den Philippinen

 

 

 

„Welcome to the Philippines“ erklang es von allen Seiten, oft begleitet von einem freundlichen Hupen und Winken der LKW und Motorradfahrer. „Mabuhay“ = „Willkommen“ und auch „Langes Leben“ in allen Dialekten der Filipinos lässt sich nicht nur auf unzähligen Schildern wiederfinden, sondern spiegelt auch die offene, herzliche Gastfreundlichkeit der Menschen wider, die nicht nur ihr Lachen gerne mit uns teilten.

 

Als wir am 07.01.2020 in Manila, der 15 Mio. Hauptstadt der Philippinen landeten, brauchten wir zunächst eine Weile, um neben der materiellen Armut, dem Chaos auf den Straßen, den zahnlosen oder kariösen Lächeln und den Bränden, verursacht durch offene Feuer auf viel zu engem Wohnraum, auch die Fröhlichkeit und Zufriedenheit, die kreative Überlebenskunst, den starken Glauben und den Familienzusammenhalt der Menschen zu sehen. Dass wir in einem Land gelandet waren, in dem 80% römisch katholisch sind, merkten wir umso mehr, als wir mehr durch Zufall in das „Fest des schwarzen Nazarenas“ hinein stolperten, dass jährlich am 09.01. stattfindet und an dem Millionen von barfüßigen Gläubigen teilnehmen, mit der Hoffnung von Krankheiten geheilt zu werden.

 

Während in den deutschen Nachrichten von dem aschespuckenden Taal-Vulkan (1 Monat lang Evakuierung) sowie der steigende Anzahl der Corona-Virus-Infizierten berichtet wurde und das Orkantief 'Sabine' wirbelte, waren wir bei Schwester Sabine in Bugko/Mondragon auf Nord Samar wohlbehalten angekommen. Die deutsche Franziskanerin hatte zusammen mit der philippinischen Schwester Veronica 2007 die Mabuhay St. Francis of Assisi Clinic gegründet. Seitdem werden dort täglich ca. 80-100 Patienten behandelt, die teilweise einen Weg von über 2h in Kauf nehmen. Neben der Klinik, zu dem ein eigenes Laboratorium und eine Heilkräuterstation gehören, schufen die Schwestern für jedes Alter eine Möglichkeit dem Alltag zu entfliehen: für die Kinder gibt es ein Innen- und Außenspielplatz, für die Jugendlichen einen Basketballplatz und für die Senioren eine Versammlungshalle, die gleichzeitig auch als Evakuierungsort bei den unzähligen Taifunen dient, die diesen Landstrich jährlich treffen. Die Schäden des letzten Taifuns Tisoy im Dezember 2019 waren noch deutlich zu erkennen. Nun waren die Ordensschwestern dabei Baumaterialien zur Reparatur der Häuser, die ihnen die Familien der Region aufgelistet hatten, zu besorgen. Darüber hinaus gehört zu ihren Aufgaben das wöchentliche Packen von Lebensmitteln, die die Mütter in den umliegenden Dörfern, im Rahmen eines Programms für unterernährte Kinder, ihren Kindern anhand eines Plans kochen können. Weiterhin gibt es auf dem Klinikgelände einen Pool für Schwimmunterricht, Schweine, Hühner und viele Pflanzen sowie Häuser für Gäste und Arbeiter und natürlich die Zahnstation, in der ich mit einer Kommilitonin gemeinsam vier Wochen lang arbeiten durften. Es war der beste Einstieg ins Berufsleben, den wir uns hätten vorstellen können! Unser jüngster Patient war 18 Monate, unsere ältesten Patienten um die 80 Jahre alt. Alle, egal welchen Alters, waren unglaublich lieb, geduldig und sehr dankbar. Ein großes Problem auf den Philippinen ist der Zucker. Er ist eigentlich in allen Lebensmitteln vorhanden, wird sogar bereits süßen Fruchtsäften zugesetzt. Dazu kommt das fehlende Prophylaxesystem (um dem entgegenzugehen etablieren die Schwestern gerade für die Schulkinder ein Fluoridprogramm). Die Patienten kommen somit leider oft erst, wenn es bereits zu spät ist. So mussten wir schwerenherzens auch Jugendlichen und Kindern schon Zähne ziehen. Konnte man noch Füllungen legen, waren diese zumeist an den Schneidezähnen oder auch auf den Kauflächen im Seitenzahnbereich. Maria und Begit, zwei freiwillige Assistentinnen, standen uns zur Seite und halfen bei der Übersetzung und Reinigung der Instrumente.

 

 

Sie entpuppten sich auch als gute Waray-Waray Lehrer (Dialekt auf Samar), sodass wir uns immer besser mit den Patienten verständigen konnten. Eine typische Unterhaltung sah ungefähr so aus: „Guten Morgen! Setzen Sie sich. Schmerzen? Keine? Erst einmal Check-up. Zahn muss gezogen werden. Wir machen eine Anästhesie. Mund ausspülen. Ist es schon taub? Gut gemacht!“

 

Sr. Veronica und Sr. Sabine integrierten uns während unserer Famulaturzeit komplett in ihren Alltag. So lernten wir, dass auf keiner philippinischen Geburtstagsfeier Karaoke fehlen darf, auch nicht, wenn diese am Strand stattfindet, dass Senioren eine herausragende Stellung genießen (egal ob bei McDonalds, im Supermarkt oder auf dem Flughafen, es gibt immer eine eigene „Priority Line“ für Senioren meist zusätzlich ausgestattet mit Stühlen), dass für die meisten Einwohner Gemüse und Obst zu teuer ist und sie daher jedem empfehlen Moringa zu kochen. Bei einem Tageseinkommen von 200 Pesos (ca. 6,63 €) auf Samar und bis zu 10 Kindern ist ein Sparen des Geldes fast unmöglich. Man lebt von Tag zu Tag, was sich auch in den Mengen von Waschpulver, Shampoo, Kaffee, … wiederspiegelt - alles in einzelne Portionen verpackt. In der Regel wird mindestens eines der Kinder nach der dritten Klasse nach Manila zum Arbeiten geschickt, da der Lohn dort höher ist. Über Palawanshops wird das Geld dann zur Familie versandt und bar ausgezahlt. Am Sonntag in der Heiligen Messe trifft sich das gesamte Dorf. Gesangbücher gibt es keine, die Gemeindemitglieder können die Lieder auswendig und es gibt einen Chor mit Gitarren- und Schlagzeugbegleitung. Ein ganz besonderes Erlebnis für uns war das Santo Niño Fest, dass immer am 3. Sonntag im Januar gefeiert wird. Die Filipinos feiern mit Prozession und Tanz die Christianisierung der Philippinen. Die gesamte Gemeinde trägt rote T-Shirts und die Kinder haben rote Luftballons, da der Umhang der Jesuskindstatue, die die Spanier mitbrachten und die an diesem Tag verehrt wird, rot ist.

 

Ich habe viel gelernt auf den Philippinen, fachlich, aber auch von den Menschen vor Ort. Danke an Alle, die die Klinik in Bugko finanziell unterstützt haben. Ihre Hilfe ist von großer Bedeutung für die Menschen. Für weitere Informationen sprechen Sie mich gerne an.

 

Yvonne Plückebaum